IvAF NRW Fachforum - 9. März 2020

Arbeitsmarktintegration braucht Türöffner: Ressourcen von Geflüchteten gezielt aufbauen, fördern und nutzen.

Rund 120 Teilnehmende, darunter zahlreiche Unternehmer*innen sowie Vertreter*innen aus Bildung, Wissenschaft und Politik, sind am 9. März der Einladung von IvAF NRW gefolgt. Thema des Fachforums: Das Migrationspaket 2020. Welche Herausforderungen und Hürden beinhaltet das Paket? Was bringt es den Menschen und den Unternehmen?

Überschattet wird das IvAF NRW Fachforum von den Ereignissen mit Flüchtenden an der türkisch-griechischen Grenze sowie einzelnen Ägäisinseln. Gregor Berghausen, Hauptgeschäftsführer der IHK Düsseldorf, nimmt die dramatischen Nachrichten in seiner Begrüßung zum Anlass und hält Kritiker*innen einer offenen Integrationspolitik entgegen: „Das, was 2015 passiert ist, sollte sich aus meiner Sicht wiederholen. Unsere Gesellschaft hat sich um Geflüchtete gekümmert! Erfolgreich Integrationsgeschichte schreiben - das ist möglich.“

Die Akteure ziehen für dieses Ziel an einem Strang und stellen sich den wechselnden Herausforderungen. Berghausen betont die Arbeit der IHK Düsseldorf und die der Willkommenslotsen, die inzwischen mehr als 700 Geflüchtete beraten und eine hohe Zahl in Ausbildungsverhältnisse vermittelt haben. Für die Unternehmen sei Fachkräftesicherung das vorrangige Konjunkturthema. Der Bedarf sei riesig und Geflüchtete seien auch eine von mehreren wichtigen Zielgruppen. An die Landesregierung Nordrhein-Westfalen gewandt bezeichnet Berghausen es „als Fehler, dass NRW jungen Geflüchteten ab 18 Jahren nicht die Möglichkeit bietet, in die Berufskollegs zu gehen.“

Für die landesweit zehn IvAF Netzwerke zeichnet Corinna Bornscheuer-Heschel ein positives Bild der bisherigen Arbeit. Der Austausch mit Unternehmen und das Beraten Geflüchteter und Asylbewerber*innen führe zu einer effektiven Vernetzung mit allen am Integrationsprozess Beteiligten. „Die IvAF Netzwerke übernehmen dabei die Rolle von Türöffnern, wenn Türen oft schon zugeschlagen sind“. Auf Veränderungen können IvAF Netzwerke durch ihre Strukturen flexibel reagieren, insbesondere Lücken würden der Arbeitsverwaltung und den Ministerien gespiegelt, um Verbesserungen zu erzielen.

Erfolgsmodell: IvAF NRW

Anaïs Denigot, Referentin im Referat ESF Programmumsetzung / EHAP Verwaltungsbehörde im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, hat beeindruckende Zahlen mitgebracht. Die zehn IvAF NRW Netzwerke unterstützen aktuell mehr als 12.000 Flüchtlinge, ein Großteil davon sei die wichtige Zielgruppe der 18 bis 27-Jährigen. Menschen aus 95 Nationalitäten seien erreicht worden. Herausragendes Ergebnis: 42 Prozent aller unterstützten Geflüchteten in Nordrhein-Westfalen seien inzwischen erfolgreich in Arbeit, Ausbildung oder in Schulen vermittelt worden. Denigot kündigt an, dass die IvAF Netzwerke um ein Jahr bis Ende 2021 verlängert werden. Die Fachexpertise der IvAF-Berater*innen sei hoch: Alleine in NRW wurden seit 2015 rund 1.400 Mitarbeiter*innen der Arbeitsverwaltung, sowie 2.821 Personen aus Unternehmen und weiteren Organisationen, wie z.B. Bildungsträgern, und Ehrenamtliche fachlich geschult.

NRW setzt Kommunales Integrationsmanagement (KI) landesweit um

Staatsekretärin Serap Güler führt vier Faktoren auf, die den Erfolg einer guten Arbeitsmarktintegration ausmachen:

  • intensive persönliche Beratung und individuelle Betreuung der Geflüchteten anbieten
  • Zugang zu Integrationsdienstleistungen ermöglichen – umfassendes Fallmanagement unabhängig vom Aufenthaltstitel für alle Zugewanderten
  • Netzwerk in Kommunen einrichten mit Einbindung der Dienstleistenden
  • Bindeglied schaffen zwischen Wirtschaftspartnern / Unternehmen und Geflüchteten

Die IvAF Netzwerke setzen in ihrer tagtäglichen Arbeit auf diese Erfolgsfaktoren. Güler beobachtet eine positive Entwicklung der Arbeitsmarktintegration in Deutschland: „Der Anstieg der Beschäftigtenquote von Geflüchteten ist bemerkenswert. Mehr als die Hälfte dieser Beschäftigten ist als Fachkraft tätig, die übrigen in Helfertätigkeiten. Das sind ermutigende Zahlen.“

Das Integrationsministerium NRW führt flächendeckend in allen Kreisen und kreisfreien Städten in NRW ein kommunales Integrationsmanagement ein. In diesem Jahr stehen 25 Millionen Euro zur Verfügung, um das Integrationsmanagement auf kommunaler Ebene zu stärken, 2021 sind es 50 und 2022 sogar 75 Millionen Euro. Dabei soll die rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit zwischen den Ämtern, wie beispielsweise der Ausländerbehörde, dem KI und dem Schul- oder Jugendamt, gefördert werden und der Dialog mit der Zivilgesellschaft gestärkt werden. „Je besser sich alle Beteiligten kennen, desto kürzer die Dienstwege“, so Güler.

Als einen Baustein erfolgreicher Integration nennt Güler das 2019 initiierte Landesprogramm „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“. Damit sollen Gestattete und Geduldete zwischen 18 und 27 Jahren gefördert werden. Die Staatssekretärin hält das Programm für besonders wichtig, damit diejenigen, die in der Regel keinen Zugang zu Integrations- bzw. Ausbildungs- und Arbeitsförderung haben, sich weiterbilden und qualifizieren können.

Zuwanderung ist ein Gewinn

Der Jurist Prof. Dr. jur. Holger Hoffmann von der Fachhochschule Bielefeld sieht einen Lichtblick für Geduldete in der neuen Gesetzgebung: In Bezug auf die Identitätsklärung und einen Arbeitsplatz gebe es nun die Möglichkeit, über eine eidesstattliche Erklärung gegenüber der Ausländerbehörde zu zeigen, dass der Geduldete sich vergeblich bemüht hat, amtliche Papiere bei der Botschaft zu besorgen. Auch definierte Engpässe in einzelnen Berufen durch die Arbeitsagentur helfen künftig, eine Ausbildungsduldung zu bekommen.

Kein Weg zurück! Was nun?

In der Diskussionsrunde stellt Michaela Weigelt, stellvertretende Pflegedirektorin im BG Klinikum in Duisburg, ein Integrationspraktikum vor für Fachkräfte, die eine Anerkennung in Deutschland benötigen. Ein Syrer bringt eine abgeschlossene Pflegeausbildung mit, macht dann hierzulande eine Zusatzqualifikation als Gesundheits- und Krankenpfleger, um dauerhaft beschäftigt werden zu können. „IvAF-Berater*innen haben diese Maßnahme begleitet, um mögliche Schwierigkeiten zu meistern, denndie Klinik hatte keine Erfahrung mit ausländischen Arbeitskräften“, gesteht Weigelt ein. Die Orientierungspraktika sollen fortgesetzt werden.

Dieter Bohnes, Bereichsleiter ‚Gute Erwerbsbiografien‘ in der Regionaldirektion der Arbeitsagentur NRW spricht von einem leer gefegten Arbeitsmarkt, auch weil die EU-interne Zuwanderung abnehmen werde. Inländisches Arbeitskräftepotential müsse man deshalb ausschöpfen, auch bei denen, denen man keine gute Bleibeperspektive zugeschrieben habe. Und der Arbeitskräftemangel führe zu der Einsicht: Arbeitgeber sind inzwischen eher bereit, auch Menschen einzustellen, die nicht so viel mitbringen.“

Staatssekretärin Serap Güler sieht das Migrationspaket in Teilen eher kritisch. Nach wie vor fehle ein konkretes Einwanderungsgesetz in Deutschland. Ein Bestandteil müsse außerdem sein: „Wer fünf oder sechs Jahre nicht in sein Heimatland zurückkehren kann, braucht hierzulande eine Perspektive.“

Corinna Bornscheuer-Heschel (IvAF NRW) geht nochmals auf die Frage von Identitätsklärung und Beschäftigungsverbot ein. Mit dem neuen Migrationspaket sei keine befriedigende Lösung in Sicht. Das ist ein ganz großes Problem. Die Beschäftigungsduldung sorgt auch weiterhin nicht für Sicherheit bei den Betroffenen.“ Professor Dr. Hoffmann ergänzt: „Die Regelung führt nicht zu einer Öffnung des Arbeitsmarkts.“

Willkommenslotsen bauen Brücken

Rachid El Mellah ist seit 2016 Willkommenslotse bei der IHK Düsseldorf. Wegen seiner sprachlichen Kenntnisse und der Kümmererfunktion hat er einen unkomplizierten Zugang zu Geflüchteten – und das mit viel Wertschätzung. „Neben der Persönlichkeit sind die Talente sowie die individuellen Lebenslagen der Menschen wichtig, um sinnvolle Bildungsketten zu entwickeln.“ Er vermittelt Kandidat*innen nach Beratungsgesprächen erfolgreich in Ausbildung und Arbeit. Und er beobachtet: „Offenheit und Bereitschaft der Unternehmen sind da, auch deshalb, weil die Unternehmen soziale Verantwortung übernehmen. Die Betriebe sagen: Jede mögliche berufliche Perspektive unterstützen wir.“ Mit der Firma Siemens gibt es beispielsweise seit 2016 ein erfolgreiches Programm für 16 Geflüchtete. 15 davon werden jährlich erfolgreich in betriebliche Ausbildungsverhältnisse vermittelt, so seine Bilanz.

Lösungsorientiert. Multikulturell. Nachhaltig.

In Kurzpräsentationen belegen die IvAF NRW Netzwerke beispielhaft wie vielseitig die Förderung Geflüchteter sein kann. Das Kölner Netzwerk „Seiteneinsteigerklassen vernetzt betreut junge Menschen mit Fluchthintergrund in Schulen. Vorwiegend in Berufskollegs geht es um den Übergang von Schule in den Beruf oder um rechtliche Fragen. In Klassentrainings erfolgt eine Berufsorientierung und eine individuelle Stärkenanalyse. Die passgenaue Beratung und Begleitung ist langfristig angelegt.

Das Münster Netzwerk Mamba3 bietet Arbeitsvermittlung durch Einzelgespräche, in denen auch eine realistische Einschätzung der Berufswünsche erfolgt. Die Beratenden nehmen anschließend Kontakt zu Betrieben auf und vereinbaren dort Probe-Arbeitszeiten.

Bei ELNet plus steht professionelle Begleitung während der Ausbildung im Mittelpunkt. Unterstützung gibt es spendenfinanziert für alle Geflüchteten, völlig unabhängig von deren Aufenthaltssituation. Dozenten arbeiten mit den Berufsschülern meistens am Wochenende, lernen mit ihnen Deutsch oder bereiten den Unterricht nach bis zu einem erfolgreichen Ausbildungsabschluss.

Um die in der Heimat erworbenen beruflichen Kompetenzen geht es bei InCoach. Die Berater*innen in diesem IvAF Netzwerk prüfen, inwieweit ausländische Abschlüsse in Deutschland anerkannt werden können. Auch Menschen mit viel Berufserfahrung, aber ohne jeglichen Schulabschluss oder ohne Ausbildung, sind willkommen.

Einem zunehmend schwierigen Thema widmet sich Partizipation Fair. Diese Beratung richtet sich an Geflüchtete, die bereits ein Arbeitsverhältnis haben und von möglichem Menschenhandel, Zwangsarbeit und Arbeitsausbeutung betroffen sind. Dies ist bevorzugt in Berufsbranchen wie Gastronomie und Reinigung anzutreffen. Wenn nach dem Motto verfahren wird ‚halbe Stelle, volle Arbeitsstunden, halbe Bezahlung‘, schalten sich die Mitarbeitenden des Projekts ein.

Frauen mit Fluchterfahrung im Fokus

Zum Abschluss wird die Förderkette für geflüchtete Frauen aufgerollt. IvAF ist hier wichtiger Impulsgeber und hat landesweit unterschiedliche Angebote entwickelt. Zukunft Plus versucht weibliche Geflüchtete durch Berufsfelderkundung an die Arbeitswelt in Deutschland heran zu führen. Anderenorts ist ein Näh-Café entstanden, in dem beim Plaudern in Deutsch beispielsweise Herzkissen für Brusttumorpatientinnen oder Einkaufstaschen genäht werden.

Berufsmessen wie „KICK OFF IN DEN JOB“ in Köln sind weitere Bausteine, um Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. „Wir sind lernende Netzwerke, Impulsgeber sowie Multiplikatoren“, so Silke Martmann-Sprenger, Projektleiterin von CHANCE+. „Die Idee zur „Berufsmesse“ wurde in Aachen geboren“. Bei CHANCE+ sind zudem ehrenamtliche Frauen im Einsatz, die Brücken bauen für Praktika, Ausbildungen, Honorartätigkeiten und Vollzeitstellen. Von ihren Erfahrungen berichtet die Teilnehmende Günay Khalilova aus Aserbaidschan. Sie kam 2016 nach Deutschland. Die junge Mutter ist inzwischen im zweiten Teilzeitberufsausbildungsjahr zur Kauffrau für Bürokommunikation. Erst durch die individuelle Begleitung von CHANCE+ kam der Durchbruch.

Im Projekt VORTEIL AACHen – DürEN wird Arbeitsmarktintegration umgesetzt durch Elternsprachkurse, Fachtagungen mit Vorträgen und Thementischen, an denen sich zuletzt 130 Multiplikatorinnen beteiligten. Unter ihnen ist Jasmin Ahmad, Mutter eines dreijährigen Sohns und diplomierte Soziologin aus Syrien. Zuerst war sie in Deutschland als Kinderbetreuerin tätig. Heute leitet sie erfolgreich und engagiert ein Café für zugewanderte Frauen.

Fazit

Das Migrationspaket 2020 weißt Lücken auf und sorgt rechtlich nicht vollumfänglich für Klarheit. Stichwort: Beschäftigungsduldung. Das führt zu Verunsicherung bei Arbeitgeber*innen und potentiellen Mitarbeitenden. Sie sind häufig überfordert. Für gut integrierte Geduldete hat sich die Situation teilweise dramatisch verschärft. Ein bundesweites Einwanderungsgesetz wurde bisher nicht umgesetzt.

Am Ende des eindrucksvollen Forums steht auch die Frage nach der Perspektive der IvAF Netzwerke. Dazu Corinna Bornscheuer-Heschel:„Wir arbeiten gemeinsam gezielt und effektiv mit geflüchteten Menschen, die der Arbeitsmarkt dringend benötigt. Es geht darum, deren Ressourcen zu nutzen und sie nahtlos anzupassen. Dies braucht intensive Begleitung, personelle Kontinuität, lückenlose Förderung. Das ist ein langer Prozess. Wir bleiben dran!“

Hintergrund: Integration von Asylbewerber*innen und Flüchtlingen (IvAF)

Finanziert werden die IvAF Netzwerke aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des BMAS (Förderphase 2015-2020). Der ESF beschäftigt sich nicht erst seit 2015 mit der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Bereits 2002 ging es um die Integration von Flüchtlingen, damals mit einem Schwerpunkt berufliche Integration im Heimatland. Ab 2008 wurde erstmals ein Arbeitsmarktprogramm für Flüchtlinge in Deutschland auf den Weg gebracht. Im Jahr 2007 wurde eine Bleiberechtsregelung für langjährig Geduldete geschaffen. Doch die Geduldeten sahen sich vor hohe Hürden auf ihrem Weg in Beschäftigung gestellt und konnten ein Bleiberecht nur dann erhalten, wenn sie für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen konnten. Daher wurde 2008 das ESF-Bleiberechtsprogramm gestartet. IvAF ist heute das finanzstärkste Programm, welches sich ausschließlich um Flüchtlinge kümmert. Es hat Elemente aus dem Bleiberechtsprogramm aufgenommen und weitere Elemente eingebaut. Dazu gehört der zusätzliche Fokus auf die schulische Bildung als Voraussetzung von beruflicher Ausbildung.

Aus dem Programm heraus wurden politische Entscheidungen und Gesetzesänderungen angestoßen: Ausbildung ohne Vorrangprüfung, Bleibeperspektive mit direktem Zugang zum Arbeitsmarkt, ab 2014 die schrittweise Reduzierung der Wartezeit – von zwölf und neun auf drei Monate. Dadurch erhielten die Angekommenen einen schnelleren Zugang zu Beratungsleistungen. Das Integrationsgesetz 2016 brachte unter anderem die „Ausbildungsduldung“: Geflüchtete bekommen eine Duldung für die gesamte Dauer der Ausbildung und dann die Erlaubnis, als qualifizierte Fachkraft in ihrem Beruf in Deutschland zu arbeiten.Mittlerweile gibt es bundesweit 40 IvAF-Netzwerke mit ca. 300 Teilprojekten, ein Viertel der Projekte sind in NRW verortet. Unterschiedlichste Projekte wurden entwickelt, die den Menschen helfen sollen: Von sozialer Begleitung über Kompetenzfeststellungen bis hin zu Anstellungsbegleitung reicht die Spanne.